Haiku

Die alte Form des Haiku, kommend aus der japanischen Kultur, wird in den westlichen Alltag übertragen.

Text und Zeichnungen von Matthias Müller Kuhn

ein Gebet schafft

in den Händen den Raum

einer Kathedrale / haiku 35

nach Auguste Rodin


Auch Engel zweifeln

manchmal, welcher Weg

für Menschen der beste ist? haiku34

nach Raphael

Ich stell mir jetzt die Engel vor, wie sie auf die Erde schauen: Sie sind etwas ratlos! Was sollen wir jetzt den Menschen raten, wie können wir ihnen helfen? Es ist ja alles durcheinandergeraten auf der Erde, wo doch vorher vieles einfach in Ordnung war! Und jetzt, sollen wir uns da engagieren? Das hört dann aber nicht mehr so schnell auf, denn bis die Welt wieder einigermassen gut läuft, braucht es viel Geduld! Oder, ist dies jetzt die grosse Chance für die Erde, dass sie nun erwacht und sieht, wo sie wirklich steht und sich nicht immer Illusionen macht, dass sie ja selber alles kann und alles im Griff hat! Vielleicht ist dies ja auch eine grosse Chance für die Engel, weil der Mensch nun viel besser hinhört und sich führen lässt. Also zögern wir nicht, sagen die Engel untereinander, nutzen wir die Gunst der Stunde und mischen uns ins Weltgeschehen ein!!


Haiku mit Van Gogh

In der Serie "Haiku mit Van Gogh" dienen die Gemälde von Vincent Van Gogh als Ausgangspunkt für die Haikus und für die zeichnerische Umsetzung. Dies ermöglicht eine Begegnung mit dem Werk von Vincent Van Gogh in neuer Weise, sodass ein besonderer Blickwinkel entsteht, welcher die Gemälde neu erschliesst.

Er hält den letzten

Zipfel des Lebens

in seinen alten Händen / haiku34

nach Vincent Van Gogh

Der Himmel scheint

durch die blauen Blumen

hindurchzufliessen / haiku33

nach Vincent Van Gogh


Ist die Kirche im Fluss,

dringt der Geist leicht

durch ihre Mauern / haiku 32

nach Vincent Van Gogh

Ich träume von einer Kirche, die durchlässig ist, eine Kirche, die von einem Fluss durchdrungen wird. Diese Kirche wird fortgetragen, fortgespült, fortgewirbelt. Ihre Mauern stehen nicht starr da, sondern sie lösen sich auf, sie werden durchlässig für die Schwingungen der heutigen Zeit. Diese Kirche steht nicht an einem festen Ort, sie wird nicht verwaltet, sie verteidigt keine Privilegien, sie verschanzt sich nicht in Traditionen, sondern sie offen für den Fluss des heiligen Geistes. Aber wo ist sie, diese Kirche, von der ich träume?

Ich glaube, sie lebt in unseren Herzen, die sich begeistern lassen für das Göttliche im Menschen.


Menschen sitzen abends

an runden Tischen, um

welche die Sterne kreisen / haiku31

 

Wie hängt das Kosmische und das Alltägliche zusammen? Da sitze ich in einem Kaffee, draussen, es ist Nacht, eine Lampe erhellt die Terrasse, die Gasse verläuft ins Dunkle, schwarze Häuserfassaden, und oben, der Sternenhimmel und plötzlich habe ich das Gefühl, dass die Sterne um die runden Tische kreisen und dass das Kaffee, wo noch einige andere Gäste sitzen, das Universum ist.

 

Wann setzen wir Segel

und werden vom Wind

hinübergeweht? haiku30

nach Vincent van Gogh

Wohin geht meine Reise? Jetzt bin ich hier, in dieser Zeit, in meinen Aufgaben, in meinem Umfeld. Der Alltag rollt und ich rolle mit. Doch einmal, dann setze ich die Segel, dann wird der Wind mich ergreifen, er wird mich forttragen, fortblasen, fortwehen. Aufs offene Meer hinaus, in die Wellen und Wogen, dann werde ich fliege in die Höhe, in die Weite, ins Offene, ins Unendliche, ins Universum. Und ich werde in ein neues Leben hineingewirbelt werden. So? Bist Du dir so sicher? Reicht dir das Leben hier auf der Erde nicht? Nein, dazu so sind wir Menschen doch bestimmt, dass wir einmal hinübergeweht werden.


Auf dem Stuhl zu sitzen

und zu warten, auch so

vergeht das Leben / haiku29

nach Vincent van Gogh

Bleibst du also sitzen auf deinem Stuhl? Am gleichen Ort, auf die gleiche Weise, immer zur gleichen Zeit? Nein, ich stehe auf, ich verändere mich und siehe an, dieser Stuhl, von dem ich aufgestanden bin, er ist voller Farben, voller Bewegung, im Drehen, im Wirbeln: Er hätte nicht diese Form annehmen können, wäre ich nicht aufgestanden! Stehe ich auf, werden dann meine Formen, meine Gewohnheiten, meine Stühle, ebenso lebendig und farbig?


Wenn die Sonne

in den Blumen tanzt, werden

sie glühend verwelken / haiku28

nach Vincent Van Gogh


Wann neigt Gott sein Ohr

dem verletzlichen Menschen,

der leidet, endlich zu / haiku 26

nach Vincent Van Gogh


Sterne bewegen

dein Schicksal in der lautlos

sich drehenden Nacht / haiku 25

nach Vincent Van Gogh


Sind wir doch

noch so armselig und schwach

ein Bild von Gott / haiku 24

nach Vincent Van Gogh


Säen wir Hoffnung

in die Furchen einer

unsicheren Zukunft / haiku23

nach Vincent Van Gogh


Haiku for hope

haiku for hope will mit der knappen und schlichten Form der Haiku-Poesie ein Zeichen gegen Aengste und Einschränkungen setzen in der schwierigen Zeit der Corona Krise.


Die leeren Gassen

fragen verwirrt: Mensch,

wohin gehst du?


Verfängt sich ihr Lächeln

im Mundschutz

und kann nicht fortfliegen/ haiku22

 

Ach, stell dir vor, es müssten alle Menschen einen Mundschutz tragen, was würde mit dem Lächeln geschehen?  Würde es verwelken und verkümmern? Ach, wie traurig wäre es, wenn nicht mehr in einem Lächeln der Hauch einer Zuwendung, eines Vestehens, einer Begeisterung aufblühen könnte. Und auch Mona Lisa, würde sich ihr Lächeln im Mundschutz verfangen wie ein Vogel, der in einem Netz gefangen ist und nicht mehr fortfliegen kann? Und die Sehnsucht des Menschen würde immer grösser werden nach dem Lächeln! Und vielleicht würden dann die Menschen krank werden, weil sie so sehr das Lächeln vermissen. Und am Ende würde man diesen Befehl, dass alle Menschen eine Maske tragen müssen, rückgängig machen und das Lächeln wäre befreit und könnte wieder seine Flügel ausbreiten, und ob der Begeisterung, dass es seine Freiheit wiedergewonnen hätte, würde es die Menschen gesund machen und heilen und stärken?


Es soll mir jetzt

einfach niemand sagen:

Du hast zu lange Haare / haiku21

 

Ja, was gibt es da zu lachen? Man kann dieses Haiku nur verstehen, wenn man es von der Corona Krise aus betrachtet: Die Coiffeur Läden waren sechs Wochen geschlossen, niemand im ganzen Land konnte die Haare schneiden, und nur schon die Vorstellung, dass jetzt jemand eine Bemerkung wegen zu langer Haare macht, birgt eine gewisse Komik, aber auch eine Tragik in sich; Ein Grundrecht wurde den Menschen genommen, nämlich sich zu pflegen und die Haare schneiden zu lassen. Aber gerade diese besondere Situation bringt vieles ans Licht, das sonst gut verdeckt und verborgen ist. Lesen wir aus dieser Sicht die Geschichte von Simson, der seine Haare nicht geschnitten hat, was ihm grosse Kraft verlieh: Als sie ihm geschnitten wurden, während er schlief, wurde er schwach und konnte leicht überwältigt werden. Aber ich bin doch kein Simson, ich möchte mich nur pflegen! Trotzdem, es könnte ja sein, dass gerade in diesem Ausharren und Herausfallen aus dem Gewohnten auch eine Kraft heranwächst: Vielleicht wird es die Kraft des Widerstandes sein, dass sich der Mensch viel mehr für das Wesentliche einsetzt und nicht so viel Zeit und Energie in seine äussere Erscheinung steckt, sondern wesentlich wird, zu sich selbst, zu seinem ursprünglichen Sein findet; auch wenn nun viel mehr graue Haare zum Vorschein kommen. Das gibt Hoffnung, hat jede Krise auch ihren tiefen Sinn?


Die Geige spielt

ein Klagelied und legt

eine Träne dazu / haiku20

 

Die Geigen sind verstummt, sie dürfen nicht mehr spielen: Die Konzerte sind abgesagt, die Säle sind leer. Nur zuhause, in einem Zimmer, für sich, darf die Geige noch spielen, und da stimmt sie ein Klagelied an: Bräuchten die Menschen nicht jetzt die Musik, die in ihre Herzen dringt, die aufheitert, die zum Tanz einlädt, die das Leben feiert? Und plötzlich, aus dem Klang des Liedes heraus, kommt eine Träne und in dieser Träne spiegelt sich alles Leid, das die Menschen auf der ganzen Welt erfahren: Menschen, vereinzelt, in ihren Aengsten verschlossen, in der Ungewissheit, was wird uns die Zukunft bringen? Und plötzlich wird die Musik stark und immer stärker, durchdringt die Mauern, gelangt zu den Ohren, fällt in die Herzen: Ich werde Euch begleiten, Euch führen zu einem neuen Vertrauen.


Die Trockenheit reisst

tiefe Sorgenfalten

in die Erde / haiku19

 

Zu diesem Haiku gibt es nicht viel zu sagen: Seit 42 Tagen hat es nicht geregnet, der Sihlsee ist fast ganz ausgetrocknet, das gab es noch nie seit Menschengedenken! Der April war doch immer der unentschlossene Monat, der sich nicht entscheiden konnte zwischen nass und trocken, zwischen Regen und Sonne, und wir tanzten zwischen den Wolken und hatten unseren Spass mit diesem zottigen Monat und haben ihm eine lange Nase gedreht und lachten mit und wussten, dass er es nie ganz so ernst meint! Und jetzt, steht er grimmig und fast etwas bedrohlich da und sagt: Da habt ihrs, ich mache keinen Wank, ich bleibe, wo ich bin, ich verstehe keinen Spass. Und wir, die wir ja gewohnt sind, dass die klimatische Ordnung ins Wanken geraten ist und auch wissen, dass wir, wir Menschen dafür verantwortlich sind, wir bücken uns demütig, geben den Pflanzen Wasser und spritzen sogar den Rasen, als wollten wir uns entschuldigen bei den Gewächsen, die mit ihrem übermütigen Grün die Erde erobern wollten, jetzt aber erschreckt zurücktreten, während ihre Kraft schwindet:  Was ist nur, was ist nur mit der Erde geschehen?

Aus farbigem Sand

der Gefühle wird ein Bild,

streu es in den Fluss / haiku19

Die Angst ist ein unverschämter

Gast, der die Rechnung

nicht bezahlt / haiku18

 

Die Angst geht um und sie will einkehren bei mir, bei dir, bei einem ganzen Volk, auf der ganzen Welt. Die Angst ist schlau und geschickt, sie weiss, wie sie sich einnisten kann, in jeder Wohnung, in jeder Absteige, an jedem Ort. Und sie will bleiben, sie macht es sich gemütlich, sie breitet sich aus. Sie liegt auf dem Sofa, plündert den Kühlschrank, kriecht ins Bett, sitzt am Frühstückstisch, sieht fern und besetzt den schönsten Platz auf dem Balkon. Sie denkt aber nie daran, etwas zu bezahlen. Wenn sie einmal wieder geht, begleicht sie keine Rechnung, schleicht sich einfach davon, als wäre nichts gewesen, unverschämt, auch auf die Mahnungen reagiert sie nicht. Die Angst nimmt sich einfach, was sie will. Aber du bist selber schuld! Du hättest sie nicht hereinlassen sollen, warum hast du ihr freien Zutritt gewährt, warum hast du ihr gezeigt, wo du schläfst, wo du isst? Und du wirst nicht klüger? Das nächste Mal, lässt du sie wieder herein, wenn sie anklopft, wenn sie sich an dir vorbei schleicht und sich in deinen Sessel setzt. Was? Ich soll schuld sein? Hört sie denn, wenn ich ihr sage: Bleib draussen, geh weg? Ja, dann versuch es doch! Sag einfach nein!

 

Unsichere Zeiten, wenn

eine Mücke den Elefant

in die Flucht schlägt / haiku17

Eine kurze Interpretation dieses Gedichtes: Wer ist die Mücke? Ja, das ist der Corona-Virus, so klein, lästig, eigentlich unnötig, unbequem, und der Elefant, ist die Gesellschaft, schwer, vielleicht auch schwerfällig, standhaft, imposant, und dieser Elefant wurde in die Flucht geschlagen, von einer Mücke! Wo ist sie nun, die Gesellschaft? Versteckt sich zuhause, versteckt sich hinter Gesichtsmasken, versteckt sich im Dickicht ihrer Angst, und die Mücke, die kleine, unschuldige, staunt vielleicht: Kann ich so viel bewegen? Kann ich den Elefant aus dem Gleichgewicht bringen, was ist nur geschehen? Schwierige Zeiten ...

Meine Gedichte sind

wie Samen von Malven,

vielleicht, vielleicht / haiku16

die Erde ein Schiff

mit unsichtbaren Segeln

durchs Universum / haiku15

Dort oben, der Zeiger

der Kirchturmuhr oder der Zweig

zeigt auf mich / haiku14

Die Blüte ist

der Augenblick, auf den sich

der Schmetterling niederlässt / haiku13


Gibt es den Himmel

auf Erden nur innen

in mir? / haiku12

Die Augen der Katze

schleichen durchs Gras

und schneiden die Luft entzwei/ haiku11


Was halte ich alles fest

in meiner Hand, am Ende

ist es bloss ein Hauch / haiku 10


Uebe es, übe immerzu

wie der auffliegende

Vogel das Loslassen / haiku9


Als würden die goldenen

Haare der Sonne sich

im Blütenzweig verfangen / haiku8


der Kirchturm vergisst

die Stunden zu zählen

an diesem schönen Tag / haiku2


Auf den brüchigen Blätter

vom letzten Jahr stehen

kostbare Lebensgeschichten / haiku7


Die Kirschblüten wollen

nichts wissen von einer

weltweiten Krise / haiku6


der Mond trägt schwer

wieviele Sehnsuchtsblicke

hängen an ihm / haiku 5


nach dem Winter

zeigt der Löwe endlich

seinen Zahn / haiku4


der See sieht

dem frühen Morgen

voller Hoffnung entgegen / haiku3


ein Zweig schreibt

mit seinen Blüten Frühling

in den Himmel / haiku1