Ikonen - Werkstatt

Es sind jetzt gerade 25 Jahre her, dass ich den Pinsel weggelegt und nicht mehr gemalt habe. Damals hatte ich eine intensive Zeit des Malens, vor allem war mein Interesse an den Ikonen erwacht und ich hatte versucht, mit Farben die klassischen Ikonen nachzuempfinden. Nun, während der Corona-Krise, erwachte das Bedürfnis sehr stark, malerisch mich wieder den Ikonen zu nähern und mit ihnen in einen Dialog zu kommen. So suchte ich die alten Farben, ich fand in einer Kiste und siehe da: Ich konnte noch mit ihnen malen. Als wäre dazwischen keine Zeit vergangen, stellte ich mich an die Leinwand und malte. Ich sehe das Malen der Ikonen als Gebet, ich vertiefe mich in die Bildwelt des Glaubens. Dadurch bekomme ich Kraft und Vertrauen. Genau diese Kraft und dieses Vertrauen brauche ich, und ich spüre, dass die ganze Welt dieses Vertrauen braucht: Das Heilige ist präsent, mitten unter uns, im Alltag, in der Welt: Die Ikonen führen uns zu dieser Glaubensquelle.


Der Schutzengel

Der Schutzengel ist in der Ikonografie ein seltenes Motiv, doch immer wieder sind es, auch in der Bibel, die Engel, welche die Menschen führen. Es gibt die Engel, meistens unsichtbar, doch spürbar, welche den Menschen den Weg weisen. Hier, in dieser Ikone, ist etwas sichtbar gemacht, was meistens den äusseren Augen verborgen bleibt.


Der Engel mit den goldenen Haaren

Der Engel mit den goldenen Haaaren, unter diesem Beinahmen ist diese russische Ikone aus dem 12. Jhd. vom Erzengel Gabriel bekannt. Das Original stammt aus dem erhalten gebliebenen Teil einer Dreiergruppe der Deeisis und befindet sich heute im staatlichen russischen Museum in St.Petersburg und ist eines der bekanntesten Ausstellungsstücke. Die grossen Augen und die leichte Neigung des Kpfes geben diesem Engel seine milden Blick, hinter dem sich eine Spur von Melancholie vermuten lässt.


Der Evangelist Matthäus

Der Evangelist Matthäus sinniert über den Text, den er eben aufgeschrieben hat, es ist die Stelle, die vom Engel handelt, welcher dem Josef im Traum erschienen ist. Die tiefen Blautöne und das Lichtgrün erinnern an eine Traumsphäre, welche das Wirkliche umhüllt: Was ist Wirklichkeit, was ist Vision, was ist Prophetie? Diese verschiedenen Ebenen fliessen zusammen.


Christophorus

Christophorus - der Christus-Träger: Nach der Legende ist er der starke Riese, welcher am Ufer des Flusses die Menschen hinüberträgt, bis ein kleines Kind zu ihm kommt und auch hinübergetragen werden will. Er nimmt es auf die Schultern, in der Mitte des Flusses wird es so schwer, dass er er beinahe zusammenbricht und das Kind fragt: Wer bist du? Das Kind antwortete: Mit mir trägt du die ganze Welt über den Fluss, ich bin Christus." Als Christophorus ans andere Ufer kam, pflanzte er den Stecken, der ihm Halt gegeben hatte, in die Erde und es wuchst ein Baum draus.

Für mich ist das Gespräch zwischen dem Jesuskind und Christophorus schön dargestellt: Was fliesst da hin und her? Die beiden werden eine Einheit, der Tragende und der Getragene. Sind wir nicht alle auch Christurträger und trägerinnen, das Kind auf unserer Schulter. Und manchmal wird es so schwer, dass wir meinen, die ganze Welt zu tragen und dann bekommen wir Kraft, weil wir spüren, da hat sich ja Gott selbst auf unsere Schultern gesetzt.

8.5.20


Die zärtliche Maria

Als erstes malte ich Maria mit dem Kind: Es ist die berührende Maria, sie schmiegt ihr Gesicht an den Kopf von Jesus, es gibt eine Berührung zwischen Mutter und Kind, zwischen Mensch und Gott. Genau diese Berührung brauchen wir jetzt, wo wir uns so sehr misstrauen, uns voreinander verstecken, uns aus dem Weg gehen aus Angst, wir könnten angesteckt werden. Es ist in dieser Ikone eine heilende Berührung, die mir neuen Vertrauen schenkt. Als Vorlage diente mir Die Gottesmutter von Korsun, russisch, 17. Jahrhundert.


Erzengel Michael

Als zweites Ikonenbild fiel mir der Engel zu, er hält in seinen Händen eine durchsichtige Kugel, er breitet seine Flügel aus über diese Welt. In der Kugel sah ich die Welt, wie gut zu wissen, dass die Welt gehalten wird, sie fällt nicht ins Bodenlose, ins Leere, sondern sie wird getragen. Beim Malen fiel mir auf, dass die menschliche Gestalt, der Kopf und die Füsse, eigentlich viel zu klein sind im Verhältnis zum ganzen Körper und zu den Flügeln. Da musste ich schmunzeln, ach diese kleinen Füsse, sie schweben in der Luft. In ihnen spiegelt sich der Mensch wieder: Wie kleine Schritte er doch macht! Wie wenig er doch vermag! Ist es nicht wunderbar, sich einfach von diesen Engelsflügeln umgeben zu wissen?

Ich habe immer eine traditionelle Ikone als Vorlage, von ihr gehe ich aus: Die Farbwahl kommt immer spontan, aus dem Moment heraus, aber mit einer grossen Sicherheit: So weiss ich immer genau, welche Farbe hervorkommt, ich folge einer Farbennotwendigkeit, die mich führt. Die Vorlage ist der Erzengel Michael, Moskau, 17. Jahrhundert.


Das Mandylion - Angesicht Christi

Die dritte Ikone, die ich malte, war eine Christus-Ikone! Für mich ist dies der innerste, der heiligste Kern der Ikonografie: Das Mandylion, die nicht von Menschenhand gemalte Ikone von Christus. Nach der Tradition ist auf dem Schweisstuch von Veronika ein Bild des Gesichtes von Jesus zurückgeblieben, dieses Gesicht ist nicht gemalt, sondern es ist Wirklichkeit, es ist die direkte Verbindung zu Jesus Christus. In der Ikonentradition ist dieses Bild wie ein Stamm, um den herum sich alle anderen Ikonen gruppierten. Der wichtigste Moment, der ergreifenste Augenblick ist, wenn die Augen gemalt werden, das ist unbeschreiblich, wenn auf einmal dieser Christus einen anschaut: Jetzt ist er da! Es gibt eine Begegnung, zwischen Menschen und Gott, zwischen Himmel und Erde!

Als Vorlage diente mir "Mandylion, das nicht mit der Hand gemacht Bild Christi von Simon Uschakow, 17. Jahrhundert.

Ja, es ist mir bewusst, es ist eine gewagte Darstellung. Ich gestalte mit Farbflächen das Gesicht, wenn man aber lange hinschaut, merkt man, dass diese Flächen miteinander in Beziehung stehen, sie bauen sich in einer gewissen Spannung auf, sie halten das Gesicht zusammen: Und dann sieht man, dass es eben viele Gesichter sind, es ist nicht nur eines, und am Ende vielleicht spiegeln sich in diesem Gesicht alle Gesichter der Menschen, werden ausgerichtet auf das Göttliche, das in allen liegt. Bemerkenswert ist auch die Leuchtkraft des Bildes: Es braucht eigentlich kein Licht, man kann es in einen dunklen Raum hängen, und es strahlt. Dieses Strahlen kommt von den Farbkontrasten, ich lege bewusst Kontraste, vor allem gelb-blau, und dieser harte Kontrast erzeugt ein Licht, das fast blendet. Ich habe dieses Element bei Barnett Newmann gefunden, für mich einer der grössten Maler, Hauptvertreter des abstrakten Expressionismus. In seinem Blau habe ich plötzlich ein grosses Licht gesehen, dies war ein sanftes, umfassendes Licht, und seither suche ich nach diesem Licht mit meinen Farben.